Hilfe beim Navigieren in der Arbeitswelt

Berufsbild

Text von Thomas Diener als Beitrag zu einer Sammlung von Berufsbildern für ein Internet-Portal für junge Menschen

Eigentlich könnte ich meine Tätigkeit auch Laufbahnberatung nennen. Das Wort gefällt mir jedoch nicht besonders gut, da ich nicht nur in der Schweiz arbeite. In Deutschland denkt man bei Laufbahn nur an Beamte und in Österreich wurde ich schon gefragt, ob ich Läufer coache (kein Witz!).

Berufsberatung wäre auch ein gebräuchliches Wort. Das klingt jedoch so, als ob die Beratung auf die Berufswahl beschränkt wäre und daher nur etwas für SchülerInnen vor der ersten Berufswahl ist: Suche aus dem Topf der 250 offiziellen Berufsbilder dasjenige aus, das dir gefällt und ich sage dir, ob du dafür geeignet bist. Das ist mir dann doch etwas zu langweilig...

Navigation gefällt mir, weil dabei nicht das Bild einer festgelegten Strasse oder eines Weges entsteht, sondern erst mal das einer Weite (wie zum Beispiel die Wüste oder das Meer). Um erfolgreich navigieren zu können, muss man seinen Standort kennen. Dann muss man herausfinden in welche Richtung es einen zieht.

Die alten Seefahrer waren oft in Gewässern unterwegs, für die es noch keine Karten gab. Trotzdem konnten sie sich anhand der Sterne orientieren. Auch die Arbeitswelt ist ein unbekanntes Gewässer. Obwohl ein Berufsnavigator viel über die bestehenden Berufe weiss, glaubt er nie, dass er alles über die Arbeitswelt weiss. Er kennt vielleicht gewisse Gegenden, kann vor Riffs und anderen Gefahren warnen. Er weiss aber auch, dass die Menschen ihren Platz in der Arbeitswelt nicht nur finden, sondern gelegentlich auch erfinden möchten und er unterstützt sie dabei.

Was für die Seefahrer die Sterne, sind für BerufsnavigatorInnen die Wünsche und Träume, die Qualitäten und Eigenschaften ihrer KlientInnen. Sie gilt es ernst zu nehmen, entlang dieser Muster gilt es zu navigieren. Kolumbus Crew befürchtete bisweilen, über den Rand der Welt in einen Abgrund zu fallen. Statt dessen entdeckten Sie einen neuen Kontinent!

Wie sieht mein Alltag aus? Ich arbeite zwei Tage in der Woche in einer Praxis in Zürich. Dort empfange ich pro Tag ungefähr 5 KlientInnen. Ich versuche mit ihnen herauszufinden, wer sie sind, was sie gut können und wohin sie wollen. Dann unterstütze ich sie, dorthin zu gelangen. Manchmal hilft ihnen meine Erfahrung und manchmal bringt sie mein Beziehungsnetz einen Schritt weiter. Wenn man mit Menschen an ihren echten Bedürfnissen und Sehnsüchten arbeitet, kann dies auch emotional werden. Gelächter und Tränen gehören daher in den Arbeitsalttag. Daneben gebe ich Kurse und in letzte Zeit auch immer häufiger Lehrgänge, in denen ich die Erfahrung meiner Arbeit an andere BeraterInnen weitergebe. Dafür reise ich viel in der Welt herum und treffe spannende Menschen und lerne interessante Projekte kennen.

Wie wird man BerufsnavigatorIn? Da ich diesen Beruf „erfunden“ habe, gibt es keinen offiziellen Berufsabschluss dafür. BerufsberaterIn kann man natürlich lernen. Z.B. an der Zürcher Uni (Psychologie und Nachdiplomstudium in Berufs- und Laufbahnberatung) oder an der Hochschule für angewandte Psychologie.

Meine „Ausbildung“ begann damit, dass ich schon als Kind keine Ahnung hatte, was ich beruflich machen wollte und nach der Lehre in ganz vielen verschiedenen Berufen temporär gearbeitet habe. So habe ich viele Berufsfelder aus eigener Erfahrung kennen gelernt. Später habe ich alle möglichen Kurse und Beratungen in Anspruch genommen, um herauszufinden, was ich wirklich, wirklich will. Schliesslich wurde mir klar, das ich mit Menschen in einer möglichst kreativen Weise arbeiten möchte. Zwei Ausbildungen sind mir bei dieser Fragestellung über den Weg gelaufen: Eine innovative psychotherapeutische Ausbildung beim Zentrum für Prozessorientierte Psychologie in Zürich und Portland (USA) und eine Ausbildung zum Psychodramaleiter (eine Mischung aus Pädagogik, Improvisationstheater und Gruppentherapie). Ich wollte mich mit Themen beschäftigen, die „essentiell“ sind. Da ich selbst die Frage nach meinem Beruf oder meiner Berufung lange und verzweifelt mit mir herumgetragen hatte, wusste ich, dass dieses Thema für mich essentiell war. Durch zahlreiche Gespräche wurde mir klar, dass das auch für anderen Menschen zutraf.

Viele Menschen leiden unter ihrer Arbeit und haben doch zu viel Angst sich neu zu orientieren und Schritte zu unternehmen, um ihre Arbeitssituation zu verbessern. Es macht mich jedes mal glücklich, wenn es mir gelingt, KlientInnen zu helfen, ihre eigenen tiefen Bedürfnisse ernster zu nehmen und Schritte in eine erfülltere berufliche Zukunft einzuleiten.

Neben einer fundierten Ausbildung in Beratung sollte eine BerufsnavigatorIn im besten Fall eigene Erfahrung in verschiedenen Berufsfeldern mitbringen. Wer selbst mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf seinen Weg gefunden hat, wirkt authentischer, wenn er mit anderen an ihren meist auch nicht so gradlinigen Lebensläufen arbeitet. Angst ist ein schlechter Ratgeber, naives positives Denken jedoch auch! Eine BerufsnavigatorIn sollte also eine gesunde Portion Realitätssinn haben. Gleichzeitig sollte sie das Träumen nicht verlernt haben und auch in ungewöhnlichen Situationen Chancen und Möglichkeiten sehen und in schwierigen Momenten zuversichtlich bleiben können.

Auf eine letzte Wahrheit gebracht: die Arbeit ist weniger langweilig als das Vergnügen. Charles Baudelaire